Geschichten, die das Leben schreibt

Autor: BarbaraMathilde

Es weihnachtet

Verrückt, dachte ich vergangene Woche. Jetzt weihnachtet es wieder. Überall erscheinen an den Häusern Lichterinstallationen, vor einem Haus stellt eine junge Familie einen Holzweihnachtsbaum vor die Tür und schmückt ihn mit rot-goldenen Ketten und einem Teddybären. In unserem Supermarkt waren ja schon seit langem die Lebkuchen und Adventskalender in den Regalen. Sie ist also doch gekommen: die Vorweihnachtszeit. Trotz Corona. Obwohl sich das Leben seit geraumer Zeit wie im Kondom anfühlt. 

Und wiederum genauso überraschend schnell wie in jedem anderen Jahr. Das Geschehen um mich herum nimmt mich gefangen, und gestern beschließe ich, Plätzchen zu backen. Was wäre schließlich der erste Advent ohne selbst gebackene Plätzchen? Ich sehe in den Kühlschrank und stelle fest, dass noch genügend Butter da ist. Unsere Mehl- und Zuckervorräte reichen auch aus. Ich muss also nicht den Weg mit Mundschutz in den Laden antreten. Mit der Küchenmaschine knete ich den Teig und stecke ihn zum Kühlen in den Kühlschrank.

Abends hole ich ihn dann wieder heraus, streue Mehl auf mein Backbrett und knete den Teig kurz durch bevor ich beginne, den dicken Teigklumpen auf das Mehl zu drücken und ihn vorsichtig ausrolle. Ich beobachte, wie sich kleine Risse an den Rändern bilden und da ist sie wieder: Die Erinnerung an das kleine Mädchen, das ich einmal war, das gerne den Teig ausrollen wollte und noch nicht durfte. Wie ich meiner Mutter bei der Arbeit zuguckte und fieberte, wenn ein kleines Teil der schon fast ausgerollt geglaubten Teigplatte an der Holzrolle hängenblieb und mir ein Stück für das Ausstechen abluchste. Von den Butterplätzchen in Form von Monden, Sternen, einer kleinen Ente und den Engelchen von denen es nun ein paar weniger ausgestochen gäbe.

Es sind Erinnerungen wie diese, die mich mit Sehnsucht und Wärme erfüllen. Frühere Zeiten werden in mir lebendig. Eine Zeit, die zu mir gehört, aber längst vergangen ist. Ich verpacke diese Erinnerungen gerne in Geschichten, die ich erzähle oder notiere. Und ich freue mich schon jetzt darauf, sie später mit meinen Enkeln zu teilen.

Geschichten haben einen ganz besonderen Reiz. Die Weihnachtszeit ist voll mit ihnen: Geschichten, Märchen und Erinnerungen. Während Dunkelheit, Kälte und Melancholie der Fröhlichkeit und Offenheit des Sommers folgen, ziehen wir uns in die Häuser, in uns selbst und unsere Familien zurück und werden ruhiger; wir tanken Energie und Kraft für den folgenden Frühling. Und so wie bei der kleinen Maus Frederic mit seinen bunten Geschichten in dem Buch von Leo Lionni, sind es die Geschichten und Erinnerungen, die uns in dieser Zeit des Jahres wärmen. Sie sind ein Teil von uns. Und das ist schön so.

Mit Geschichten Sprache lernen

Mit elf Jahren wechselte ich die Schule. Meine Familie zog von Frankfurt/Main nach Prag und fortan ging ich auf die International School of Prague. Ich war ziemlich entsetzt. Meine Zeugnisnote in Englisch befand sich auf einer glatten 5. Und von nun an sollte ich in der Schule nur noch Englisch sprechen.

Mit meinen stolzen elf Jahren! (und meinen Plänen, bald schon einen Freund zu haben, Partys zu feiern und über Drogen philosophieren zu können) befand ich mich kurzerhand auf dem Sprachniveau einer Einjährigen. Es fühlte sich an wie „zurück auf Start“ und mit der Wut und Hilflosigkeit, die wohl nur in Pubertierenden steckt, kam ich in Prag an. 

Die Stadt war alt und marode, unter den vielen Menschen war niemand zu entdecken, mit dem ich in Kontakt treten konnte und die Schule, die ich fortan besuchen sollte, befand sich in einem steinalten Palais, in dem bis heute die amerikanische Botschaft untergebracht ist. 

Gott sei Dank bekam ich drei Wochen Schonfrist: eine junge Amerikanerin, die einen Tschechen geheiratet hatte und hier lebte, brachte uns vier Geschwistern die ersten englischen Wörter und Sätze bei (Thanks Mrs. Gilbert!).

Doch wenn für Kinder drei Wochen auch lang sind, so ist es im Nachhinein betrachtet doch eine sehr kurze Zeit gewesen. Im November betrat ich zum ersten Mal die International School. Sie wurde von einem ältlichen Direktorenpaar geleitet: Mr. und Mrs. Rubright. Er ein langer, schlaksiger Greis, der immer begeistert war (ich hatte zu dieser Zeit noch keinen Amerikaner persönlich kennengelernt). Sie eine faltige, hochgeschminkte Lady, die immer lächelte. Das weitere Lehrerteam bildeten junge abenteuerlustige Amerikaner*innen, die zwei Jahre ins Ausland gegangen und zwei Töchter englischsprachiger Diplomaten, die noch auf der Suche nach einem Lebenspartner waren.

Mrs. Rubright nahm mich zunächst unter ihre Fittiche. Die ersten englischen Worte, die ich sprach, wurden freundlich bestätigt; die mich umgebenden Schüler*innen gleichzeitig mit warnenden Blicken bedacht, wenn sie mein „ecause“ (das ich aus „because“ ableitete) zu einem „equals“ verbessern wollten. Es wurden nicht enden wollende Tage in einer Umgebung, in der alle viel freundlicher waren, als ich es bisher von Schule kannte, ich aber kaum etwas verstand und mir ziemlich verloren vorkam.

Dann entdeckte plötzlich Mrs. Rubright plötzlich eine Leidenschaft von mir: das Lesen (deutscher Geschichten…). Ich weiß nicht, wie sie darauf kam, aber mit der ihr eigenen Erfahrung unkonventionell in einem multikulturellen Umfeld zu unterrichten, pickte sie es auf und fortan durfte ich deutsche Kurzgeschichten ins Englische übersetzen. Tagelang saß ich in der Schulbibliothek, las Satz für Satz die Geschichten aus einem kleinen Rowohlt-Bändchen und nahm die Arbeit sehr ernst. Ab und zu kam Mrs. Rubright vorbei, las die englische Variante, gab mir Tipps, korrigierte nie und war begeistert. Mit ihrer Begeisterung, aber auch mit meinem Können wuchs meine Sprachkompetenz. Es waren die ersten Schritte zu immer bessere werdenden englischen Sprachkenntnissen – und der Beginn einer lebenslangen Liebe zu einer der schönsten Städte der Welt und ihren zahllosen geheimnisvollen Geschichten.

Warum schreiben?

Wer will denn überhaupt lesen, was ich erlebt habe? Für viele Menschen, die mit dem Wunsch eine Autobiografie zu schreiben, in meine Schreibwerkstatt kommen, steht diese Frage ganz am Anfang. Zu Recht – wie ich finde. Schließlich möchte jeder, der den langen Weg, seine Erinnerungen zu Papier zu bringen, beschreitet – bei dem viel Arbeit in Erinnern, Notieren und Darstellen fließen – am Ende auch gelesen werden. 

Was mich an dieser Frage allerdings häufig wurmt, ist nicht die Frage an für sich. Sondern die Person, die sie stellt. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen… aber es sind häufiger Frauen als Männer und es sind immer Menschen, die etwas Interessantes zu erzählen wissen. Das liegt zum einen – ganz banal – daran, dass jede Lebensgeschichte anders ist und den Leser einlädt, Lösungswege zu verstehen sowie neuen Aspekten und spannenden Entwicklungen zu folgen, die ihm auf diese Weise noch nicht begegnet sind. Das liegt aber auch daran, dass gerade Menschen, die nicht ständig im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens agierten, denken, ihre Geschichte wäre gar nicht soooo interessant… dabei liegt in ihren scheinbar unspektakulären Geschichten viel Wahrheit und mehr Dramaturgie als in mancher bereits allen bekannten Story.

Ich möchte Sie einladen, den Stift in die Hand zu nehmen, und loszulegen. Weil es zufrieden macht. Weil es Erkenntnisse bringt. Weil Erfahrungen und Erinnerungen vor unserem inneren Auge Revue passieren und durch das Schreiben an Kraft und Klarheit gewinnen. 

Die erste Frau, die in meiner Schreibwerkstatt vor mehr als zwölf Jahren Ihre Autobiografie fertig stellte, sagte am Ende: Es hat mich selbstbewusst gemacht! Und ich würde hinzufügen: Es hat auch vielen Lesern – insbesondere denjenigen, die mit ihr ein Leben lang verbunden waren – sehr viel Freude bereitet.

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